Hier geht's zu unserem Blog bei generationKUNST

Erinnern für die Gegenwart

Das Projekt „Erinnern für die Gegenwart" ist eine Kooperation zwischen der Kunstschule Zinnober, der Heinrich Middendorf Oberschule in Aschendorf und der Berliner Malerin Hannah Bischof. Im Vorfeld der Ausstellung Bischofs "Von Papenburg nach Neuruppin - Zyklus für Maria" fanden ein zwei- und ein dreitägiger Workshop mit Schüler*innen des 9. Jahrgangs im Schwerpunkt Kunst in Zusammenarbeit mit der Lehrerin Nicole Kassens einmal in der Schule und einmal in der Kunstschule Zinnober statt.

Im Zyklus mit 16 Bildern geht es um den Lebens- und Leidensweg der Großmutter der Malerin, die im Rahmen der Euthanasiemorde während des Nationalsozialismus getötet wurde.

Hier ein paar Eindrücke des Zyklus:

   

Projekttag I

An ihrem ersten Workshoptag stiegen 38 Schüler*innen in das Thema ein, indem sie ganz unvoreingenommen in Gruppenarbeit Begriffe wie Familie, Oma, schwarzes Schaf, Euthanasie, Tod, Vergangenheit, Gegenwart, Mobbing, Ausgrenzung, friedliches Miteinander zu für sie passenden Wortgruppen zusammenfügten. Anschließend folgte eine Diskussion in großer Runde. Ernsthaft und mit starkem persönlichen und emotionalen Engagement sprachen die Schüler*innen über diese Themen und ihre Vorstellungen und Wünsche von familiärem und schulischem Leben. In einer Praxisübung dazu konnten sie in Form von Collagen und Buchstabendrucken die genannten Themen vertiefen und den anderen vorstellen.

ZITAT DES TAGES: "JETZT HABEN WIR SCHON MAL SPAß IN DER SCHULE UND DANN MÜSSEN WIR IN DIE PAUSE GEHEN."

Wir erlebten staunend und bewundernd, wie interessiert und engagiert alle bei der Sache waren. Sie hörten aufmerksam zu, niemand wurde ausgelacht und alles war wichtig und gleichwertig.

Nach der Mittagspause folgte eine PPT von Hannah Bischof zu ihrem Zyklus. Sie erzählte die Lebensgeschichte ihrer Großmutter und für die Schüler*innen klärte sich, inwieweit alle Themen und Übungen des Tages etwas mit Kunst und der Umsetzung des in der Vergangenheit geschehenen mit der Gegenwart und den Begriffen des morgendlichen Einstiegs zu tun hatten.

Zitate aus der Feedbackrunde:

"Ich finde, das war ganz gut. Hat Spaß gemacht."

"Ich fand's gut, dass wir nicht von Anfang an wussten, worum es insgesamt geht. Das hat sich dann ja alles geklärt und auch, was das mit Kunst zu tun hat."

"Das Plakate Gestalten war voll cool."

Projekttag II

Der Tag begann mit einem kurzen Rückblick auf den Tag davor – was war gut; was nicht; was hatte die Schüler*innen angesprochen, war der Begriff „Euthanasie“ verständlich geworden? Das Resümee fiel positiv aus; die Schüler und Schülerinnen fanden das Thema interessant; Mobbing und Ausgrenzung waren ihnen nicht unbekannt, sondern schon etliche Male im Schulalltag begegnet, und der Begriff „Euthanasie“ war mit der Präsentation von Hannah Bischof klar geworden.

Dem Resümee schloss sich der Film an – „Nebel im August“ über den dreizehnjährigen Ernst Lossa, der im Nationalsozialismus in die Psychiatrie gerät und vergeblich gegen das Morden – die sogenannte „Euthanasie“ – ankämpfen will.

Der zweistündige Film hatte Überlänge und forderte die Schüler*innen; die 20 Min große Pause waren nötig. Anschließend sollte das, was vom Film besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben war, künstlerisch umgesetzt werden. Jede/r erhielt einen Keilrahmen von 20 mal 20 cm, und durfte ihn bemalen oder bekleben, mit einer Zeichnung versehen oder auch anders künstlerisch gestalten. Im Gegensatz zum Tag davor war das Arbeiten auf dem kleinen Format schwieriger. Bei der anschließenden Besprechung gab es etliche Leinwände, die den Friedhof aus dem Film und die Särge für die Ermordeten darstellten; den Raben, in den sich Ernst Lossa nach seiner Ermordung verwandelt hatte, oder auch nur eine orangerote Fläche für das Blut, das sinnbildlich vergossen wurde.


ZITAT DES TAGES: "DIE SCHULE HAT SICH HEUTE WIE 10 MINUTEN ANGEFÜHLT!"



Fazit von Hannah Bischof zum ersten Workshop

"Für mich waren diese zwei Tage eine sehr beeindruckende und bereichernde Erfahrung. Die Schüler*innen waren sehr interessiert und motiviert, fast ausnahmslos zugewandt und für mehrere Stunden hoch konzentriert. Das Thema fanden sie spannend, das Collagieren und Drucken machte ihnen Spaß. Und sie waren sehr erstaunt – und erfreut -, dass das alles „mit Kunst zu tun hatte“ und sie selbst auch Kunst hergestellt hatten."



Hannah Bischof zu Projekttag III

Fünf Wochen nach dem Beginn in der Heinrich-Middendorf-Oberschule trafen wir uns jetzt in der Kunstschule Zinnober in Papenburg wieder - ich war gespannt, wie sich das Arbeiten ohne Pausenklingel und ohne straffe Vorgaben anlassen würde.

Nach einer kurzen Begehung der Arbeitsräume stellten die Schüler*innen die Arbeiten vor, die sie mitgebracht und woran sie in den zurückliegenden Wochen gearbeitet hatten. Gemeinsam wurde überlegt, wie man diese Exponate für die Ausstellung am 9. November präsentieren könnte - Collagen, Leinwände, Kunst-Koffer; ergänzt um weitere Objekte, die an den folgenden zwei Tagen entstehen sollen. Mit Graffiti soll gearbeitet werden, mit Action Painting, Fotos, Interviews, mit verschiedenen Schriften in verschiedenen Sprachen. Die Arbeit ließ sich gut an – die Schüler*innen fanden sich selbständig zu kleinen Gruppen mit unterschiedlichen künstlerischen Schwerpunkten zusammen und entwickelten IHRE Vorstellungen vom „Erinnern für die Gegenwart“.

Ich war beeindruckt - weil es nicht so einfach ist, sich künstlerisch einer Person zu nähern, die vor gut hundert Jahren geboren wurde und ein ganz anderes Leben und einen ganz anderen Alltag hatte als diese Schüler*innen ihn heute haben. Und weil es auch nicht leicht ist, das Thema „Ausgrenzung“ so umzusetzen, dass die Betrachtenden es verstehen und einen Bezug zu der Ausstellung über Maria Fenski finden und herstellen können.

Diese Schüler*innen können das. Und das hat mich sehr beeindruckt.


Projekttag IV

Tag IV unseres Projektes begann mit strömendem Regen – Herbst in Papenburg. Aber in der Kunstschule war es warm und gemütlich, und in allen Räumen schwirrten die Schüler*innen herum, die ihre am Vortag skizzierten Projekte in die Tat umsetzen wollten. Jede*r Schüler*in fand eine Aufgabe, die genau zu ihm/ihr passte. Es entstanden Fotografien von besonderen, themenrelevanten Orten und Action Paintings. Es wurden Interviews geführt, Graffitis gesprayt und kalligrafische Werke erstellt.

Es herrschte eine wohltuende, gut gelaunte Arbeitsatmosphäre, und die veränderte sich auch nicht, als die eingeladenen Gäste der Ems-Vechte-Welle und der Emszeitung eintrafen sowie Susanne Bosch und Sabine Fett von „generationKUNST“, die das Projekt wissenschaftlich und künstlerisch begleiten. Die Besucher*innen waren angetan und beeindruckt von dem Ernst und Verständnis der Jugendlichen – und vor allem von ihrem Engagement. Denn kaum waren alle Fragen gestellt, wurde weitergearbeitet – bis 15 Uhr, nur unterbrochen von der Mittagspause. Und dann war die Zeit herum, der vierte Projekttag schon wieder vorbei.

„Ich war glücklich und zufrieden; es war ein richtig guter Arbeitstag für alle gewesen. Und wer der Ansicht ist, dass junge Menschen sich nur noch für ihre Handys interessieren, sollte einmal in die Kunstschule Zinnober kommen: diese Schüler*innen können auch ganz anders!“
(Zitat: Hannah Bischof)

Hannah Bischof zu Projekttag V

Endspurt. Heute musste alles bis 15 Uhr fertiggestellt werden, denn dann waren die Projekttage vorbei, und die Exponate sollten für die Ausstellung am 9. November schon aufgebaut und/oder gehängt worden sein. Und wir haben es auch tatsächlich geschafft! Die letzten Fotos wurden ausgedruckt und gerahmt, das riesige Aquarellpapier der Action Painter wurde an der Wand angebracht, die Sprayer schraubten ihre Holzteile zusammen, und auch alle anderen Gruppen kamen zum Ende. Alles fand seinen Platz - wir waren ein wunderbares Team!

„Können wir nicht öfter solche Kunsttage machen?“ fragten die Schüler*innen...

Ja, dachte ich, das hätte ICH als Jugendliche auch gern in der Schule gehabt. Aber dafür hatte ich jetzt als Erwachsene das Glück, mit einer solchen Gruppe und in einer solchen Kunstschule gemeinsam zu einem wichtigen Thema arbeiten zu können. Nicht nur für mich, sondern für alle Beteiligten waren es fünf sehr spannende Tage gewesen.

Ich freue mich auf die Vernissage am 9. November!
 

Die Ausstellungseröffnung

Am Samstag war es soweit. Die Ausstellung "Von Papenburg nach Neuruppin - Zyklus für Maria" und unser Projekt "Erinnern für die Gegenwart" wurden vor ca. 180 Besucher*innen  in der Galerie des Forum Alte Werft eröffnet. Anschließend ginge es in einem Schweigemarsch zum Gedenkstein der ehemaligen Synagoge Papenburgs in Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938.

Die Ausstellungseröffnung bildete den Auftakt der Gedenkfeier. Bürgermeister Jan Peter Bechtluft betonte in seiner Begrüßungsrede, dass wir sowohl im Umgang miteinander, als auch in den sozialen Medien viel mehr auf unsere Worte achten sollten. Respekt voreinander und die würdevolle Behandlung eines jeden Menschen seien immens wichtig, um die Werte und Normen unserer Gesellschaft zu erhalten und nicht "verrohen" zu lassen. Auch Gitta Connemann MdB machte in ihrer eindringlichen Rede deutlich, jeder müsse Haltung gegenüber Rechtsextremismus und Antisemitismus zeigen. Gleichzeitig sprach sie davon, wie schwierig das sein könne, wenn eigene, berechtigte Ängste damit verknüpft seien. Man könne wirklich dankbar und hochachtungsvoll gegenüber den Menschen sein, die in der Vergangenheit dazu bereit waren, sich u.a. öffentlich gegen das Euthanasieprogramm ausgesprochen zu haben, wie z.B. Bischof von Galen.

Für die Schüler*innen und Schüler der HMO bedeute "Erinnern für die Gegenwart", "dass Leute damals heimlich ermordet wurden und viele von uns das gar nicht wissen". Es solle heute hervorgehoben werde, damit sich das alles nicht wiederhole.

Hannah Bischof erläuterte auf ergreifende Weise vor dem mucksmäuschenstillen Publikum den Lebens- und Leidensweg ihrer Großmutter anhand alter Fotos und ihrer eigenen Werke.

Die Ems-Vechte-Welle, JUZ TV, der Pressesprecher der Stadt Papenburg Heiko Abbas und die Emszeitung kamen zur Eröffnung und führten Inteviews mit uns Beteiligten. Musikalisch begleitet wurden wir vom Klezmer Ensemble des Gymnasium Papenburg.


Gefördert vom Land Niedersachsen im Rahmen des Modellprogramms "generationKUNST" des Landesverbandes der Kunstschulen Niedersachsens e.V.